Im Jahr 2020 fand der erste #fl_tag statt. Das Format wurde in 2021 und ab 2023 jährlich fortgesetzt. Und auch in diesem Jahr wird es wieder einen #fl_tag geben.
Und es gibt einen Ausbildungsalltag, der davor, danach und dazwischen stattfindet und begleitend möchten wir unter dem Titel Ausbildung im Diskurs Räume für Austausch und Vernetzung schaffen.
Dieser Blog ist unsere zentrale Anlaufstelle. Er informiert und bietet Übersicht über alles, was auf dem Weg ist und vor Ort rund um die Ausbildung in unserem "Veedel" im Kölner Bezirk passiert.

Appetizer#4 – Den Rücken stärken

Frage 2: Inwiefern gehört die kompromisslose Verankerung „ethischer Prinzipien“, u.a. die Werte- und Menschenrechtsbildung, in die Lehrkräfteausbildung und in die Schule?
→ 8.These von Michael Carl
→ Zur Idee der Appetizer

Den Rücken stärken, um Haltung zu zeigen 

Die Debatte um die Rolle von Lehrkräften in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft ist präsenter denn je. Wo endet die Neutralitätspflicht und wo beginnt die Notwendigkeit, Haltung zu zeigen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Online-Vortrags von Prof. Dr. Claudia Gärtner von der TU Dortmund am 23. April für das ZfsL Engelskirchen. Ihr Vortrag bot eine fundierte Analyse des Beutelsbacher Konsenses und gab damit wichtige Impulse für unser Ausbildungshandeln. 

Professorin Gärtner beleuchtete in ihrem Vortrag den Beutelsbacher Konsens (BK), der vor 50 Jahren als Protokollnotiz entstand und drei zentrale Prinzipien festlegte: das Überwältigungsverbot, das Kontroversitätsgebot und das Gebot der Schüler*innenorientierung (mündige Subjekte) . Diese Prinzipien sollen als Richtschnur für den Umgang mit gesellschaftlich strittigen Debatten dienen, wie etwa Nachhaltigkeit, Rechtsextremismus, Antisemitismus oder Genderfragen. 

Ein zentraler Punkt des Vortrags war die Feststellung, dass es verbreitete Fehlinterpretationen des Überwältigungsverbots gibt. Oft wird Neutralität als normative Enthaltsamkeit missverstanden, was dazu führen kann, dass Lehrkräfte nicht kritisch auf rassistische oder extremistische Beiträge von Schüler*innen reagieren . Prof. Dr. Gärtner betonte, dass Lehrkräfte zwar nicht ihre eigene politische Meinung in den Vordergrund stellen sollen, aber dennoch eine klare Haltung gegenüber verfassungsfeindlichen oder menschenverachtenden Positionen einnehmen müssen. Der BK verpflichtet nicht zur Werteneutralität, sondern zur Werteorientierung im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Professorin Gärtner hob hervor, dass Kontroversität nicht bedeutet, dass alle Positionen gleichberechtigt behandelt werden müssen. Wissenschaftsbezogene Kriterien erfordern, dass nur vernünftige, gut begründete und empirisch fundierte Sichtweisen als kontrovers gelten. Konstitutive politische Grundwerte (Rechte, Freiheiten) sind nicht kontrovers und müssen von Lehrkräften klar vertreten werden. Eine Klimakrise beispielsweise ist nicht kontrovers, die Wege zu ihrer Bewältigung hingegen schon. In einem Exkurs in ihr eigenes Fachgebiet stellte sie als Beispiel für eine aktuelle Weiterführung der Gedanken des Beutelsbacher Konsenses den „Dresdner Konsens“ und den „Schwerter Konsent“ im Kontext von Philosophie- und Religionsunterrichts vor. Hier wird deutlich, dass im Philosophie- und Religionsunterricht keine Neutralität im Sinne einer Werteenthaltung gefordert ist, sondern ein Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Frieden besteht. Dies impliziert eine politisch-reli-giöse Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). 

Professorin Gärtner illustrierte ihre Ausführungen mit prägnanten Fallbeispielen, die die Komplexität des Themas verdeutlichten. Etwa die Frage, ob ein Lied mit sexistischen oder antisemitischen Passagen im Unterricht akzeptabel ist, oder wie mit Protesten von Eltern gegen politische Aktionen in der Schule umgegangen werden soll. Diese Beispiele zeigten, dass die Anwendung des Beutelsbacher Konsenses in der Praxis oft Grauzonen aufweist und eine differenzierte Betrachtung erfordert. Außerdem wies sie auf die Gefahr einer Entpolitisierung und Individualisierung hin. Ähnlich wie beim Fußabdruck (im Gegensatz zum Handabdruck) bei der Debatte um die CO2-Belastung werde hier die Verantwortung auf den/ die Einzelne verlagert. 

Der Vortrag von Professorin Gärtner machte deutlich, dass die Lehrkräfteausbildung vor großen Herausforderungen steht. In einer Welt, in der Desinformation und Extremismus zunehmen, ist es unerlässlich, angehende Lehrkräfte nicht nur mit fachlichem Wissen auszustatten, sondern auch ihre Haltung zu stärken: Lehrkräfte müssen lernen, ihre eigene Rolle zu hinterfragen, die Grenzen der Neutralität zu erkennen und mutig für die Grundwerte unserer Gesellschaft einzustehen. 

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